Floramorphismus

Eine Fläche, ein Akteur, eine stoffliche Grenze zwischen dem vorhanden und dem benötigten Zustand.

Die Situation:

Eine Fläche als Versuchsfeld. Die Stoffe: Molton/(Bütten)papier unterschiedlich in Materialität, Dichte und Struktur. Pflanzen als Grenzgänger zwischen Sonne und Wasser.

Der Akteur:

Pflanzensamen. Die Sorte robust, schnell zu züchten und recht hartnäckig. Sie wächst selbst auf einem untypischen Untergrund, der normalerweise eine Barriere darstellt.

Das Material:

Schwarzer Stoff wie Molton wird auf der Bühne verwendet, um eine Abgrenzung zwischen Publikum und Bühne, zwischen Hell und Dunkel, Drinnen und Draußen herzustellen.
Auch Papier dient der Abgrenzung und wird zum Einwickeln benutzt um Waren vor Schmutz, Temperatur, Blicken, zu schützen, oder um zu „zeigen“, eine Abgrenzung zu schaffen, für die Lösung einer Zeichnung vom Untergrund.

Der Weg:

Diese Barrieren werden von zarten Pflanzen mühelos durchbrochen. Sukzessive finden die Wurzeln ihren Weg durch das Gewebe, den Filz, das Material. Dahinter befindet sich vielleicht nichts als Hoffnung auf Wasser und Nährstoffe. Das Köpfchen reckt sich zur Photosynthese zum Licht nach oben. Die Wurzeln strecken sich nach unten der Schwerkraft entgegen. Dazwischen: Egal. Es muss nur organisch durchdringbar sein.

Es ist die Zurückeroberung eines „mechanisch“ hergestellten Materiales durch Pflanzen.

Grenzen müssen durchbrochen werden, um eine Verankerung zu ermöglichen. Die Natur erzwingt Anpassung. Damit wird sie selbst zum Material. Stärker als der Mensch können wir sie in die Kunst miteinbeziehen. Sie findet immer einen Weg, über Grenzen zu. Langsam und stetig drängt sie in kleine Nischen und Gebiete ein, die in ihrem eigentlichen Sinne nicht dafür vorgesehen sind.

Das Ende:

Schluss damit! Der Stecker wird gezogen. Kein Wasser mehr, die Pflanze wurde nicht geerntet, sie verblüht ungenutzt. Ihr Tod dient dem Memento Mori. „Verdörrte Anmut.“

Das Schicksal des blauen Wasserplaneten Erde, Verwüstung. Die Natur ist dem Menschen Untertan, obschon der Mensch nicht ohne die Natur kann. Anthromorphismus wird zum Floramorphismus. Antagonistisch auf jeden Fall. Beides. Von allen Seiten.